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Europa entfesselt!

April 26th, 2009 by Hner

Operation Atalanta.

Klingt erstmal harmlos. Kein Mensch, der nicht über ein Minimalmaß an klassischer Bildung verfügt, hat die geringste Ahnung, was er mit diesem Namen anfangen soll. Atalanta ist eine Figur der griechischen Mythologie. Die “jungfräuliche Jägerin” war der Legende nach ein ganz besonders umgängliches Geschöpf. Liebreizend und skrupellos. Das was Europa vielleicht gerne gewesen wäre. Und wenn die griechische Geschichte uns diesen Wunsch verwehrt, schreiben wir uns einfach eine eigene Geschichte. Unsere Europa begnügt sich nicht mit der Rolle der devoten Geliebten, die sich schwängern und verheiraten lässt. Unsere Europa nimmt ihr Schicksal selbst in die Hand und das anderer gleich mit.

Das allgemeine Informationsdefizit beschränkt sich aber nicht allein auf die Herkunft der Bezeichnung. Wenn man den täglichen Meldungen glauben darf, machen wir im Rahmen dieser Mission irgendwas gegen – dem Anschein nach – ruchlose Piraten, die wehrlose Schiffe überfallen und kapern. Diese stören offensichtlich den internationalen Güterfluss, gefährden Menschenleben und bereichern sich unrechtmäßig. Piraten eben. Hier eine fast aktuelle Beispielmeldung:

“Im Indischen Ozean haben Piraten nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen das Kreuzfahrtschiff “MSC Melody” attackiert. Sicherheitsleute an Bord konnten den Angriff aber zurückschlagen. An Bord sind 1527 Menschen, darunter viele Deutsche. [...] Der Sprecher der EU-Mission konnte den Ort des Überfalls nicht genau angeben. Es handele sich aber um die Gewässer im sogenannten Somali-Becken. Die Marine geht deshalb davon aus, dass es sich bei den Angreifern um somalische Piraten handelte.” (Quelle:spiegel.de)

Aber warum machen die das eigentlich? Naja, sie sind wahrscheinlich arm und leiten daraus das Recht ab, sich an fremdem Eigentum zu vergreifen. Aber ist das wirklich so einfach?

Kleiner Rückblick:

Nach dem Sturz des somalischen Diktators Mohamed Siad Barre im Jahr 1991 kollabierten in vielen Regionen des Landes die staatlichen Strukturen. Verschiedene Gruppierungen liefern sich seither zum Teil heftige Kämpfe um die Vorherrschaft in diesen Gebieten. (Ausführlicheres dazu hier:wikipedia.org). Seit dem Beginn der Konflikte sind geschätzte 350.000 bis eine Million Menschen ums Leben gekommen. Aberhunderttausende mussten fliehen, wurden vertrieben oder verloren ihr Heim. (Dazu auch: bbc.co.uk) Die Wirtschaft liegt in vielen Sektoren vollständig brach oder ist beschränkt auf den Handel mit Waffen, abgelaufenen Medikamenten und Ähnlichem.

Europas Beitrag zur Lösung der Krise in Somalia im Rahmen der UN-Geberkonferenz bestand in der Zusage von jämmerlichen 213 Millionen Euro zur Aufstockung der Friedenstruppe der Afrikanischen Union AMISOM, zur Stärkung der vorhandenen Sicherheitskräfte und zum Aufbau einer unabhängigen Polizei. Zum Vergleich: Die Kosten der Atalanta Mission betragen bereits 45 Millionen Euro. Von diesem Betrag geht man zumindest aus.

(Siehe auch: europahoster.com)

Nicht nur dass in der Folge Millionen von Menschen in diesem kriegsgebeutelten Land an ihrem Hunger ersticken und Gewalt ihren Alltag bestimmt, gibt es darüber hinaus noch ein Phänomen, dass nur wenigen bekannt ist. Fischereiflotten unterschiedlicher Länder, darunter auch europäische Staaten, betreiben seit geraumer Zeit eigene Beutezüge in somalischen Gewässern. Sie fischen illegalerweise Somalias Gewässer leer, bedrohen und schikanieren einheimische Fischer und bleiben trotzdem unbehelligt.

(Schöner Artikel dazu: saarbreaker.com)

Während also viele Regionen Somalias im Chaos versinken und die Bevölkerung verzweifelt ums Überleben kämpft, leitet der Rest der Welt seine Gütertransporte an der Nase der somalischen Bevölkerung vorbei und erwartet, dass diese unbehelligt bleiben. Das ist nicht nur naiv, sondern fahrlässig, ignorant und verantwortungslos. Die somalischen Piraten gehen oft grausam vor. Keine Frage. Hinter ihnen stehen häufig skrupellose Warlords. Auch das muss man zugeben. Aber was ist mit den illegalen Flotten der Industrieländer, einiger arabischer Staaten und anderen, die dort ihr Unwesen treiben? Wer unternimmt dagegen etwas? Niemand. Und warum? Weil wir davon profitieren. So einfach ist das.

Das Problem der Piraterie vor Somalia kann nur politisch gelöst werden, nicht militärisch. Die Ursachen liegen nicht in den Gewässern vor Somalia, sie liegen an Land. Dort muss etwas getan werden. Die Menschen brauchen Alternativen, bevor sie sich für das “Richtige” entscheiden können. Nur aktive Stabilisierungsbestrebungen von Seiten der EU oder anderer “neutraler” Akteure könnte an der Situation in Somalia etwas ändern. Alles andere ist propagandistische Heuchelei.

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