Orthographie 2.0
Seit einiger Zeit fällt mir in zunehmendem Maße auf, dass das Internet offensichtlich einen signifikanten Einfluss auf das Orthographieverständnis seiner Nutzer hat.
So werden beispielsweise die Formen seit/seid (die liebe Auslautverhärtung), den/denn, man/Mann scheinbar völlig willkürlich gebraucht. Da einige der betreffenden Formen im Deutschen homophon sind, verwundert das zwar nicht weiter, die Frage ist aber, ob man aufgrund der extremen Zunahme der Fehlschreibungen, die Rechtschreibnormen des Deutschen neu überdenken sollte.
Es bricht mir zwar jedes Mal aufs Neue das Herz, wenn ich die Interjektion Mann als man geschrieben sehe, aber als Sprachwissenschaftler ist mir natürlich an einem ausgeprägten Sprachwandel auf allen Ebenen gelegen. Was gäbe es sonst auch zu untersuchen?
Wirklich spannend wird das Thema, wenn man sich vor Augen hält, dass das Internet das erste Medium darstellt, in dem Texte, die nicht weiter lektoriert wurden, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Auf diese Weise verbreiten sich Fehlschreibungen in einer Geschwindigkeit, die vorher nicht denkbar gewesen wäre. Ein natürliches Korrektiv, wie es Bücher oder Printmedien im Idealfall darstellen, bricht im selben Maße weg, in dem das Internet wächst. Die Situation der großen Zeitungsverlage hierzulande wie auch in den USA und anderswo illustriert diese Entwicklung.
Des Weiteren eröffnet sich hier ein völlig neues Feld für Kontakt- und Areallinguisten. Im Internet treffen ohne geographische Annäherung Sprecher der unterschiedlichsten Sprachen aufeinander. Am stärksten betroffen von den Auswirkungen dieser Situation dürfte die Verkehrssprache Englisch sein. Aber umfassende Studien zu dem Thema stehen meines Wissens noch aus.
Weitere spannende Schreibungen (in Klammern, das gemeinte Wort):
- entlich (endlich) Auslautverhärtung an der Morphemgrenze
- hasst (hast) Aufgrund der Regel, dass stimmloses s nach Kurzvokal im Deutschen eigentlich grafisch geminiert erscheint
- Hinweiß (Hinweis) siehe Kommentar #1
- Eigendlich (eigentlich) siehe Kommentar #2
- Anderster (anders? Vielleicht hilft mir Nikana ja hier bei der Interpretation. Evtl. auch ein fiktiver Superlativ zu “anders”) siehe Kommentar #2
- Einzigste (der/die/das Einzige) siehe Kommentar #2
Wenn euch noch weitere einfallen, könnt ihr sie gern als Kommentar hinzufügen. Ich übernehme das dann in den Artikel.
Posted in Sprachwissenschaft



April 16th, 2009 at 18:56
Oh ja, oh ja, den/denn treibt mich auf die Palme. (Ich muss solche Sätze immer dreimal lesen, bis ich sie endlich verstehe, weil mein Hirn sich weigert, falsch geschriebene Wörter in ihrer gemeinten Bedeutung zu verstehen…)
Und ganz schrecklich ist auch der Hinweiß – da lese ich dann wahlweise “HiRnweiß oder frei assoziierend und wahllos Buchstaben einfügend, aber auch eklig, “Hirnschweiß”…
Das Mann/man-Problem ist mir noch nicht aufgefallen, weil ich “man!” einfach immer gleich Englisch gelesen habe… ;)
April 18th, 2009 at 15:21
Oh, ein schönes Thema, über das ich mich stundenlang auslassen könnte. Es gibt so viele Beispiele, viel zu viele. Leider. Das ss/ß zum Beispiel. Wenn man sich im Internet umguckt, könnte man meinen, dass gut 60% der Bevölkerung noch nicht gemerkt hat, dass das ß durchaus nicht abgeschafft wurde. Immer wieder stolpere ich über Strassen, Füsse, Grössen und dergleichen. Seufz!
Auch schön finde ich, dass viele Leute der Meinung sind, dass “das” nach einem Komma immer mit Doppel-s (oder meinetwegen auch mit ß) geschrieben wird. Ganz egal, ob es sich nun korrekterweise um eine Konjunktion handelt oder um einen Artikel, das Doppel-s wird gesetzt.
Noch ein paar schöne Schreibweisen:
- Eigendlich
- Anderster
- Einzigste
Wobei “anderster” und “einzigste” fast entschuldbar sind, schließlich gibt es diese Wörter in vielen Dialekten wirklich. Aber die korrekte hochdeutsche Form sollte man deshalb trotzdem nicht aus den Augen verlieren.