Vogelterror
Hätte man mich noch vor wenigen Tagen gefragt, hätte ich ohne zu zögern erklärt, dass Vogelgesang mit das Schönste ist, was ein aufdämmernder Frühling so zu bieten hat. Heute seh’ ich das etwas anders. Durch die offene Terrassentür kreischen just in diesem Augenblick gleichzeitig geschätzte zweihunderttausend Piepmätze. Die Lautstärke ist wirklich kaum zu beschreiben. ES IST WIRKLICH LAUT! Und ob man’s glaubt oder nicht, aber diese kleinen Freunde haben mich schon das ein oder andere Mal aus dem Bett jubiliert.
Großstadtvögel! Als unschuldiger Dorfexilant (Randnotiz: “Exilant”, seit wann gibt es diesen Neologismus eigentlich?) hab’ ich mich immer noch nicht daran gewöhnt, dass die Autobahn, die wohlgemerkt keine hundert Meter Luftlinie von hier an unserem Grundstück vorbeiführt, vor lauter Vogelkrawall kaum mehr zu hören ist. Nicht, dass ich das vermissen würde, aber es stellt doch das natürliche akustische Gefüge auf den Kopf, wenn ein drei Zentimeter großes zwitscherndes Ungeheuer einen 7,5-Tonner übertönt. Irgendwie war’s ja klar, dass die Natur irgendwann mit einiger Grausamkeit zurückschlagen würde, aber das ist doch unverhältnismäßig. Und dabei bin ich sogar Vegetarier!
“Die Vögel in der Stadt müssen sich anpassen”, sagt Brumm. Und das mit gutem Grund. Der Gesang sichert ihnen das Überleben ihrer Art. “Die Weibchen wählen ihre Partner unter anderem nach dem Gesang aus.” Doch nicht nur in der Stadt, auch an Autobahnen wandelt sich das Gezwitscher.
Brumm hat herausgefunden, dass Vögel, die dort beheimatet sind, durchschnittlich 15 Dezibel lauter singen als ihre Artgenossen anderswo. Überhaupt geht es nicht gerade leise zu im Reich der Vögel. Nachtigallen kommen in der Stadt auf 85 bis 90 Dezibel Lautstärke, Buchfinken auf 80. Zum Vergleich: An einer Baustelle wird mit 90 Dezibel gehämmert und gerattert. (Quelle:stuttgarter-nachrichten.de)
90 Dezibel? “[...]ein Fortissimo eines Orchesters kann schon mal 90 Dezibel erreichen[...]Intensitäten, die größer sind als 90 Dezibel können mehr oder weniger große Dauerschädigungen des Gehörs nach sich ziehen.” (Quelle:sonnentaler.net)
Und zur Einordnung, die Hörfläche eines gesunden Menschen:
(Quelle:wikimedia.org)Gebt den Freunden noch ein paar Jährchen und wir brauchen für jede normale Unterhaltung Untertitel! Das ist eine akustische Kriegserklärung!
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April 25th, 2009 at 12:33
So etwas finde ich extrem interessant, denn so einen Terror kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Ich bin seit meiner Geburt hochgradig Schwerhörig und habe noch nie einen Singvogel pfeifen gehört. Krächzvögel (nennt man die so?) wie Tauben höre ich, die verwenden tiefe Töne, aber ab einem Frequenzbereich von ca. 0,75 kHz ist es bei mir fast schon vorbei, die höre ich nur noch bei einer Lautstärke von mindestens 100 dB. Ich würde mich in Deiner Wohnung vermutlich furchtbar über die Autobahn aufregen, deren Geräusche ich bestens wahrnehmen kann, und dabei den Vögeln zugucken, die lautlos von Ast zu Ast springen …
April 25th, 2009 at 12:46
Du musst dir einfach eine von Ast zu Ast hüpfende Autobahn vorstellen, die so tut, als wäre sie ein Vogel. Ich weiß´, der Vergleich hinkt erbärmlich!
An sich ist das alles auch eher eine harmlose Nebensächlichkeit. In Wirklichkeit würde ich um nichts auf der Welt den Vogelgesang missen wollen. Egal wie laut (naja, nicht ganz egal, aber fast).
April 25th, 2009 at 13:07
Das kann ich verstehen. Ich würde vieles dafür geben, endlich einmal einen Singvogel zu hören. Als ich noch ein Kind war habe ich nie zugegeben, dass ich die Tiere nicht höre; es war mir einfach peinlich, als einzige die Geräusche nicht wahrnehmen zu können. Also habe ich gelogen und behauptet, ich würde den Gesang der Vögel hören. Irgendwann habe ich es auch selbst geglaubt, da enorme Lauschanstrengungen bei mir immer zu Tinnitus führen und ich das Pfeifen in meinen Ohren als Kind den Vögeln zuordnete.
Das Bild von der hüpfenden Autobahn ist übrigens sehr cool. :D
April 25th, 2009 at 13:20
Hast du denn im Gegenzug das Gefühl, anderen sinnlichen Eindrücken gegenüber sensibler zu sein, als Leute ohne Beeinträchtigung des Gehörs?
April 25th, 2009 at 13:52
Das ist eine gute Frage, über die ich noch nie bewusst nachgedacht habe. Ein Freund hat allerdings einmal behauptet, dass ich in der Natur mehr Details wahrnehmen würde als er, Dinge entdecke, nach denen er nie suchen würde. Vielleicht hängt das mit der Schwerhörigkeit zusammen, keine Ahnung.
April 25th, 2009 at 14:03
Schon seltsam, dass man so grundlegende Dinge der eigenen Lebenswirklichkeit so schlecht vermitteln kann. Man stößt hier an die Grenzen der Sprache und damit an die Grenze bewusster Denkprozesse, denn wie mein Freund Wittgenstein schon bemerkt hat: “Die Grenzen der Sprache sind die Grenzen der Welt.” Das zeigt auch, wie erstaunlich einzigartig ein jeder Mensch ist. Was er erlebt, prägt ihn. Seine Prägung bedingt sein Wesen. In deinem Fall scheint es dir neue Erfahrungskanäle geöffnet zu haben.
April 25th, 2009 at 14:04
Danke, ja, ich sehe die zwitschernde Autobaghn auch vor mir!
Ich hoffe, die EU kommt nicht dahinter, dass die Vögelein so laut sind, sonst müssen wir künftig alle Ohrschützer tragen (wie die armen Orchestermusiker, die mit ihren Instrumenten zu viel Lärm für ihre eigene Gesundheit machen…)
(Ich habe außerdem noch eine Art Ente mit Fahrgestell gemalt… das rot wollte gar nicht mehr aufhören!)
April 25th, 2009 at 14:05
@Spooked: Die Ente ist preisverdächtig! ;)
Februar 19th, 2010 at 12:04
Hierzu muss ich mich nochmal zu Wort melden, weil ich genau an diesen Beitrag heute morgen denken musste, als ich das Haus verließ: Inzwischen kann ich mitreden :-). Ich habe seit dem Spätsommer letzten Jahres ein Cochlea Implantat und höre neuerdings auch Vögel. So schön! So unglaublich schön! :-)
Februar 21st, 2010 at 18:57
Das freut mich wirklich wahnsinnig für dich! Wenn ich ehrlich bin, muss ich nach diesem endlos scheinenden Winter zugeben, dass ich den Beitrag heute etwas anders verfassen würde. ;)
Das muss wahnsinnig spannend sein, die Welt nochmal ganz auf’s Neue zu entdecken. Ganz viel Spaß dabei! Und vergiss nicht, ab und an davon zu berichten!