Blogs und der liebe Erfolg
Während ich hier sitze, genüsslich meinen Kaffee schlürfe und einen frisch hereingeschneiten Übersetzungsauftrag bewusst ignoriere, finde ich in einem meiner Feeds einen Artikel über Deutschland und seine “Blogosphäre”: Zehn Gründe, warum Blogs in Deutschland nicht funktionieren.
(Quelle:sueddeutsche.de)
Wer sich den Artikel zu Gemüte führt, wird darin eine ganze Reihe an Gründen finden, warum gerade wir Deutsche unserer mentalen Haltung wegen eigentlich völlig ungeeignet sind, effiziente Blogs zu betreiben bzw. sie als Leser in adäquater Weise zu würdigen.
Zuerst habe ich den Artikel nur überflogen, manches recht interessant gefunden und nicht weiter darüber nachgedacht. Auf dem Weg in den Westflügel unseres 60m2 Anwesens, um mir eine weitere Tasse Kaffee zu besorgen, ist mir dann gekommen, dass ich doch so einiges faul fand an dem Artikel.
Einwand zu Punkt 1:
“Das Internet ist eine große Gleichheitsmaschine, was dazu führt, dass selbst junge und sogar anonyme Blogger berühmt und wichtig werden können. Respektierte Professoren und einflussreiche Experten dagegen werden in der Blogosphäre oft ignoriert, weil sie nicht sagen, was sie wirklich denken, oder weil das, was sie sagen, einfach zu langweilig und vorhersehbar ist. Deutschland funktioniert genau andersherum: Hier ist man immer noch fixiert auf Status und Hierarchie.“
Mir will nicht ganz einleuchten, was der Autor unter “berühmt und wichtig werden” versteht und ob er mit dieser Formulierung gar impliziert, es sei des Pauschal-Bloggers vornehmliche Ambition, das zu Wege zu bringen. Ich möchte Herrn Salmon auch gar nicht widersprechen, wenn er meint, hierzulande sei man “immer noch fixiert auf Status und Hierarchie“. Aber auch Berühmtheit ist ein “Status” der die Hierarchisierung einer betroffenen Gemeinschaft voraussetzt. Das nur als kleiner Denkanstoß.
Einwand zu Punkt 2:
“In Deutschland zählt Qualifikation mehr als alles andere. Die Leute verbringen Jahrzehnte damit, die verschiedensten Diplome und Zeugnisse und Zertifikate zu sammeln, und wenn sie dann alles beisammenhaben, sorgen sie dafür, dass die Welt das weiß. Wenn man kein Papier hat, auf dem steht, dass man sich zu diesem oder jenem Thema äußern darf, dann darf man seine Meinung auch keinem anderen zumuten. Die Leser sind übrigens nicht viel anders, auch sie wollen zuerst wissen, ob der Schreiber qualifiziert genug ist, bevor sie sich dafür interessieren, was der Schreiber denkt. In der Blogosphäre dagegen ist es völlig egal, ob jemand ein zertifizierter Meinungsträger ist – was zählt, ist allein, ob die Meinungen stichhaltig, originell und klug sind.“
Dieses Argument halte ich für ausgemachten Blödsinn. Auch in Deutschland gibt es bereits heute unzählige “Laien”-Blogs, die sich einer großen Beliebtheit erfreuen und durchaus nicht nur Banales zu bieten haben. Vorbehalten, wie sie der Autor hier beschreibt, bin ich dabei in den seltensten Fällen begegnet. Im Gegenteil. Die Menge der Blogs, in denen rege diskutiert wird und die von Amateuren der betreffenden Fachgebiete bzw. Themenfelder mit Beiträgen versorgt werden, nimmt täglich zu. Was sich höchstens konstatieren lässt, ist, dass dem Bloggen an sich in Deutschland keine besondere Aufmerksamkeit von seiten der etablierten Medien entgegengebracht wird. Aber das sind lediglich Kinderkrankheiten eines jungen Mediums, wie sie sich auch in völlig anderen Bereichen finden lassen.”In der Blogosphäre dagegen ist es völlig egal, ob jemand ein zertifizierter Meinungsträger ist – was zählt, ist allein, ob die Meinungen stichhaltig, originell und klug sind.” Und genau diese Blogosphäre hat sich auch in Deutschland längst entwickelt.
Einwand zu Punkt 5:
“Ein Blogger muss sich irren, wenigstens manchmal. Wenn er sich nie irrt, dann ist er nie interessant. In den meisten Ländern ist das eine der großen Schwierigkeiten für die Blogosphäre: Die Menschen haben Angst davor, etwas zu schreiben, das sie dumm aussehen lässt. In Deutschland ist diese Angst besonders stark ausgeprägt, weil hier jedes öffentliche Wort genau gewogen wird. Wenn du über etwas schreibst, womit du dich nicht auskennst, wirst du Angst haben, einen wichtigen Aspekt zu übersehen. Wenn du über etwas schreibst, womit du dich gut auskennst, wirst du Angst haben, dass die Leute dich nicht mehr ernst nehmen, wenn du einen Fehler machst.“
In diesem Abschnitt versteigt sich der liebe Autor in die fantastische Welt der Völkerpsychologie und dichtet den Deutschen im Vorbeigehen eine ausgeprägte Allodoxaphobie ans Revers. Naja. Besser ich verkneife mir einen weiteren Kommentar dazu.
Einwand zu Punkt 6:
“Die Deutschen sind methodisch und systematisch und umfassend in dem, was sie tun. Die Blogger lieben Schnellschüsse, sie machen Dinge ad hoc, es ist schwer, sie festzunageln.“
Ich kann nur hoffen, dass Herr Salmon das jetzt als Scherz meint. Ich begegne täglich zahllosen Beispielen für penibel recherchierte Beiträge sowohl in deutschen wie auch angelsächsischen Blogs und ein “Festnageln”, ist auch dann meist nicht möglich. Aber vielleicht meint er das ja wörtlich…
Punkt 7, es darf gelacht werden:
“Blogger sind die natürlichen Außenseiter, sie sind sogar stolz auf diesen Status und sehen sich gern als die Einzigen, die im Angesicht der Macht die Wahrheit sagen. In Deutschland kommt man nicht besonders weit, wenn man sich zum Außenseiter erklärt, man gewinnt kein Ansehen – und Ansehen ist etwas, wonach fast alle Deutschen streben.“
Wie gelangt der Mann nur zu diesen Einsichten? Geht es Bloggern allein um Ansehen? Sind alle Deutschen so? Es gibt annähernd so viele Gründe zu bloggen, wie es Blogger gibt und ein Vorurteil über Deutsche zum Faktum zu verkehren, kann nach einer insgesamt mauen Argumentationsleistung, das Ruder auch nicht mehr herumreißen.
Langeweile stellt sich ein: Punkt 8
“Die Deutschen werden nicht arbeiten, wenn sie kein Geld dafür bekommen, und Bloggen wirkt auf sie verdächtig wie Arbeit. In Amerika verdient man mit Bloggen nur indirekt Geld, durch Ruhm und Bekanntheit, die einem der Blog bringt. Da ein deutscher Blog kaum Ruhm oder Bekanntheit bringen wird, gibt es keinen wirklichen Grund zu bloggen.”
Da sind sie wieder, die üblichen Verdächtigen “Ruhmsucht und Geldgier”. Ja, je öfter ich es höre, desto plausibler scheint mir das Argument: Wir Deutschen sind offensichtlich einfach zu ertragsorientiert, um wirklich altruistisch zu bloggen.
Oben hat Herr Salmon doch noch argumentiert, dass man hierzulande kaum Chancen hätte durch Bloggen “berühmt und wichtig” zu werden, was ja irgendwie impliziert, dass wir das auch wollten. Jetzt heißt es plötzlich, diese hehren Ziele würden in Amerika verfolgt und uns ginge es vorrangig um den Mammon und erst in zweiter Instanz um den Ruhm. Was uns das alles auch sagen möchte, es ist nichts als konstruierter Unsinn.
Mir geht nach diesem “Schnellschuss” gerade die Puste aus und ich erspare euch und mir die Diskussion der ausgelassenen und verbleibenden Punkte. Einzig zum Untertitel: “Zehn Gründe, warum Blogs in Deutschland nicht funktionieren.” möchte ich noch ein Wort verlieren.
Ist es nicht vielleicht die Eigenschaft mancher Online-Redakteure ein Medium nach seinem wie auch immer gearteten Erfolg zu bewerten?
Und woran misst man einen solchen Erfolg? Etwa daran, ob darüber gebloggt wird? ;)
Hier findet ihr noch weitere erfrischende Kommentare zu dem Artikel:
Posted in Alltag, Nebensächlichkeiten, Zwischennetzliches



Mai 8th, 2009 at 20:51
Info zu punkt 2:
Einwand zu Punkt 2:
“In Deutschland zählt Qualifikation mehr als alles andere. Die Leute verbringen Jahrzehnte damit, die verschiedensten Diplome und Zeugnisse und Zertifikate zu sammeln, und wenn sie dann alles beisammenhaben, sorgen sie dafür, dass die Welt das weiß. Wenn man kein Papier hat, auf dem steht, dass man sich zu diesem oder jenem Thema äußern darf, dann darf man seine Meinung auch keinem anderen zumuten. Die Leser sind übrigens nicht viel anders, auch sie wollen zuerst wissen, ob der Schreiber qualifiziert genug ist, bevor sie sich dafür interessieren, was der Schreiber denkt. In der Blogosphäre dagegen ist es völlig egal, ob jemand ein zertifizierter Meinungsträger ist – was zählt, ist allein, ob die Meinungen stichhaltig, originell und klug sind.“
Leider sind wir Deutsche immer aus das alles perfekt sein muss – also es darf nicht mal das Komma oder Punkt fehlen sonst ist der Artikel schon wieder misst.
Andere Länder andere Sitten bzw. denen ist es nicht so wichtig ob der Artikel hunderprozent gramatisch richtig ist oder ob ein Punkt fehlt.
Ausserdem was auch sicher ein Manko in DL ist das ein Artikel von einem Hauptschulabsolventen nicht soviel wert ist als von einem Doktor.
(Der Hauptschüler kann wenigsten einen Nagel in die Wand schlagen was nicht jeder Dr. kann).
Echt ein guter Artikel.
Viel Erfolg weiterhin – ich hoffe das ich kein Koma (ej Komma) oder einen Punkt vergessen habe.
Gruss Hans.
Mai 13th, 2009 at 09:04
Den Einwand zu Punkt 2 finde ich völlig richtig. Es gibt doch weit mehr Laien oder Privatblogs, die ihre Meinung äußern, als Fachblogs, die über ein bestimmtes Thema schreiben, bei denen ein “Profi vom Fach” dahinter sitzt. Solange ein Artikel interessant geschrieben ist, lese ich ihn mir durch. Egal ob da jetzt ein besonders schlauer Mensch den Text verfasst hat, oder eher ein Normalo…
Doreen
Mai 22nd, 2009 at 12:33
Weiter so! Gruss, Norbert