Farvel Christiania!
Das “soziale Projekt” Christiania steht kurz vor dem Aus. Vor einem dänischen Gericht verloren die Christianiter am 25. Mai einen Prozess um das Besitz- und freie Nutzungsrecht ihrer Wohngebiete.
Für diejenigen, die keine genaue Vorstellung davon haben, worum es sich bei der Christiania handelt, hier eine Zusammenfassung:
Beim Gelände, auf dem sich das Wohngebiet der sogenannten “Freistadt Christiania” heute befindet, handelt es sich um einen verlassenen Marinestützpunkt aus dem 18. Jahrhundert im Kopenhagener Stadtteil Christianshavn, der 1971 von Hippies in Besitz genommen wurde. In den darauf folgenden Monaten kam es wiederholt zu gewaltsamen Räumungsversuchen durch die Polizei, die jedoch erfolglos blieben. Als Ergebnis wurde 1972 von der sozialdemokratischen Regierung beschlossen, die Besetzung als “soziales Experiment” vorerst zu dulden. Trotz der Tatsache, dass der Status der Christiania die nächsten 37 Jahre lang ungeklärt blieb, prosperierten die fraglichen Wohngebiete. Es entstanden Einrichtungen, darunter eine eigene Post, Kindergärten und vieles mehr. Entscheidungen werden von den Bewohnern in einer Plenarversammlung, der Fællesmøde, auf Konsensbasis getroffen. Daneben gibt es in der Christiania aber auch vier “unverletzliche” Regeln:
- Keine harten Drogen
- Keine Rockerwesten mit Klubabzeichen
- Keine Waffen
- Keine Gewalt
Mit dem Regierungswechsel im Jahr 2001 geriet die kleine Gemeinde zunehmend unter politischen Druck. Die Hauptvorwürfe, denen sie sich seither ausgesetzt sehen, betreffen den freien Marihuana- und Haschischhandel, die Baupolitik und – ganz allgemein – die autonome Gesetzgebung.
Blüten christianitischer Baukunst:
(Quelle:schwarzaufweiss.de)
(Quelle:giuliasuciu)
Was mich dabei wirklich traurig stimmt und wütend macht, ist die Tatsache, dass hier wieder ein gleichermaßen friedliches wie mutiges Projekt alternativen menschlichen Zusammenlebens, einem pluralitäts- und menschenfeindlichen Zeitgeist zum Opfer fällt. Die Christiania hat bewiesen, es geht auch anders: Selbstverantwortung, Verantwortung für diejenigen, mit denen man zusammenlebt, und politische Selbstbestimmung sind – entgegen aller kleingeistigen Unkenrufe – durchaus möglich.
Einen wunderbaren Artikel zu diesem Thema findet ihr auch auf MMsSenf.
Hier ein schöner Auszug:
“Dem Konservativen ist unwohl in einer Welt, in der nicht alles am Platz bleibt und nicht alles seinen geregelten Gang geht. Dass die dänische konservative Regierungskoalition von der lang geübten Praxis der Toleranz abgeht, hängt vordergründig mit dem Problem des Drogenhandels zusammen. (Wobei es nur um Hasch geht, “harte Drogen” werden von den Christanianern nicht geduldet.) Was sie wirklich treibt – und was Rasmussen sogar offen zugibt – ist die offenbar unerträgliche Vorstellung, es gäbe einen “rechtsfreien Raum”. Also genau das, was auch das böse Internet für viele Konservative so bedrohlich erscheinen lässt. Schlimmer noch: sowohl Christiania wie das Internetzdingens beweisen, dass es auch ohne Top-Down-Entscheidungsmodelle geht, dass Selbstorganisation und Basisdemokratie funktionieren. Dass Anarchie nicht automatisch zur Rechtlosigkeit und zum allgemeinen Bürgerkrieg führt.”
(Quelle:MMsSenf)
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