Zwangsläufigkeit
“Genaugenommen bringt sich die überwältigende Mehrheit der Menschen lange vor ihrer Zeit selber um: Voller Leben als Kind, verblassen sie als Erwachsene, flackern in der Liebe noch einmal auf, sterben aber innerlich schon vor ihrem dreißigsten Jahr und verschwinden in der Masse der armen Schatten, die gereizt und ruhelos über das Angesicht der Erde kriechen.”
(Quelle:Patrick O’ Brian “Duell vor Sumatra”, Erstausgabe 1973)
Diese Passage geht mir schon seit Tagen nicht mehr aus dem Kopf. Vielleicht, weil sie ein Phänomen beleuchtet, das mir schmerzlich vertraut ist.
Viele Menschen, darunter auch solche, die ich zu meinem engeren Bekanntenkreis zähle, haben mit den Jahren deutlich an charakterlicher Kontur verloren. Es mag sein, dass der Schein hier trügt, nichtsdestotrotz ist das der Eindruck, den ich von ihnen gewinne.
Einstmals kühne Ideen sind bei ihnen einem zunehmenden Pragmatismus gewichen, der sich häufig in austauschbaren Allgemeinauffassungen verliert. Auch mir muss ich bedauerlicherweise diese Ermüdung der Leidenschaften attestieren.
Einige der Betroffenen erlagen im Laufe der Jahre den Verführungen eines behaglichen Phlegmatismus, andere klammern sich bis heute krampfhaft an einen jugendlichen Entwurf ihrer selbst und erwecken so, zumindest beim wohlmeinenden Beobachter, oftmals den Eindruck, sie hätten sich den jugendlichen Tatendrang und Lebenshunger über die Jahre erhalten. Dabei liegt dem meist nur ein ausgeprägter Konservativismus oder Narzissmus zugrunde.
In der Zwischenzeit bin ich soweit, dass ich mich zu den Letzteren zählen würde. Radikale Ideen vertrete ich in vielen Fällen nur noch aus Gewohnheit und Selbstgefälligkeit, nicht, weil ich ihnen noch ein besonderes Maß an Strahlkraft beimessen würde. Aber völlig losgelassen habe ich noch nicht. Es gibt nämlich kaum etwas, was mir mehr Angst macht als das Abdriften in ausgewaschene Ideologie- und Visionslosigkeit. Was dann bliebe, wären lediglich Ideen; Fragmente eines Weltbildes, die nur zur situativen Problemlösung taugen. Darüber hinaus aber ermöglicht eine bloße Idee keine umfassenden Lebensentwürfe oder Zielvorstellungen, die durch ihren utopischen Charakter eine stetige Entwicklung fordern und dem Leben Wert und Dynamik verleihen.
Eine weitere Beobachtung scheint mit diesen Ausführungen auf den ersten Blick unvereinbar.
Je älter der Mensch wird, desto idiosynkratischer also eigenwilliger stellt sich seine Lebenswelt dar. Jede Erfahrung, die er macht, formt ihn und beraubt ihn gleichzeitig seiner Optionen, da nur jeweils eine der unzähligen, vorstellbaren Entwicklungen durch sie katalysiert wird. Und diese wiederum bedingt die Reaktion und den Wirkungsradius folgender Erfahrungen. Sie determiniert deren Einfluss also im Verein mit all den anderen Erfahrungen, die der Mensch bereits gesammelt hat.
Es scheint also, als könnte man daraus den Schluss ziehen, dass der Mensch mit zunehmendem Alter an Charakter gewinnt. Diesen Prozess, wie allgemein üblich, als Reifen zu bezeichnen, hat einiges für sich. So wie einen Käse Pilzsporen befallen, die ihn nach und nach zerfressen, während er reift, sammeln sich im Menschen eine Unzahl an Erfahrungen an, die ihn schlussendlich aber bis zur Unkenntlichkeit verzerren, weil sie aus einer unendlichen Menge an Möglichkeiten, die ein junges Leben birgt, im Laufe der Jahre eine stetig wachsende Zahl eliminieren.
Vor diesem Hintergrund erschließen sich auch philosophisch-religiöse Ansätze, wie man sie u.a. in den Upanishaden und auch in manchen Lehren des Buddhismus findet. Eremitisches Leben und Enthaltung zur Konservierung des omnipotenten Ichs, das viele auch – und das meiner Meinung nach völlig zu Unrecht – als “Nichts” bezeichnen. Es ist vielmehr die hypothetische Summe aller Möglichkeiten.
(Vielleicht wäre es an dieser Stelle angebracht, darauf hinzuweisen, dass ich diese beiden Lehren völlig willkürlich herausgegriffen habe.)
Um auf den Punkt zu kommen (Endlich, wird sich wahrscheinlich so mancher wünschen.):
Diese Zwangsläufigkeit, wenn sie denn nicht nur meinem fehlbaren Geist entspringen sollte, ist mehr als bedauerlich. Und ich bin guter Dinge (mit dem Rest meines jugendlichen Optimismus), dass sich das irgendwie noch bremsen, wenn nicht sogar aufhalten lässt. Ich hab’ nur noch nicht die leiseste Ahnung wie.
Ich bin für jede Anregung dankbar und möchte an dieser Stelle gleich auch noch vorausschicken, dass ich mit zunehmendem Alter auch nicht mehr so kritikfähig bin. Sollte ich also zu sehr gelangweilt haben, bitte ich um Nachsicht.
Beim nächsten Mal gibt es auch wieder leichtere, weniger egozentrische Kost. Versprochen! ;)
Posted in Alltag, Erschreckendes, Nebensächlichkeiten, Philosophie



Mai 6th, 2009 at 05:02
Traurig, dass du in allen Punkten recht hast. Schön beschrieben.