Bachmannpreis 2009 – Andreas Schäfer
Neuer Autor, Andreas Schäfer (der Name klingt nicht nach Schriftsteller); hat einen schweizerischen Gesichtsausdruck, ist aber aus Berlin; Portrait spielt schon wieder im Café, Autor findet es wunderbar, dass etwas entsteht, was man vorher diffus im Kopf hatte, das dann lebendig wird. Ja, in der Tat. Das wäre es, was wunderbar wäre, das ist es auch, warum Tucholsky so unfassbar gut ist. Da hat er ja einen hohen Anspruch; er “geht hinter seinen Figuren her”, notiert Ideen, die er dann vergisst, bis sie von selber wiederkommen. Der wirkt ganz vernünftig. Aber nun muss ich erfahren, dass er von Sulzer vorgeschlagen wurde, das macht skeptisch.
Liest aus “Auszeit“, wirkt irgendwie zu groß für sein Lesetischchen;
hm, ich mag Anfänge mit einem Satz unerklärter wörtlicher Rede, obwohl auch das, zugegeben ein Klischee ist; Oh, ich glaube, den Text mag ich (zumindest inhaltlich, über die Sprache bin ich noch nicht sicher), den Vortrag finde ich erträglich. Es kamen schon südliche Inseln, Gerüche, zwischenmenschliche Distanz und so.
Da kann ich auch mal ein bisschen zitieren: An seinem Beruf (Pilot) hat er das “oberflächliche Zusammengehörigkeitsgefühl und den flapsigen Umgangston gemocht – aber vor allem die Unverbindlichkeit, die sich dahinter verbarg”
Was ist denn passiert mit seinem Sohn Jakob? Abgestürzt? Wechselnde Trauer, erst sie, dann er, finde ich gut, logisch, alles sehr nachvollziehbar. Bloß: “Lothar, der Pilot”? Ist das kluge Namensgebung?
Hier finde ich die Beobachtungen (die ich ja vorhin noch bemängelt habe) sehr gelungen und passend, hier zeigen sie, was und wie Lothar sieht und machen den Text dadurch lebendig, für mich jedenfalls. Ich finde die Sprache sehr “nah”, verstehe alles, wunder mich nicht über Formulierungen;
Kein Absturz – ein Mord!
Das ist schön, ich weiß nicht genau, woran ich es festmache, aber der Text ist gut. Oh, nein, jetzt Klischee: „Allerdings. Ihre Unfähigkeit geht mir auf die Nerven.“ Lothars oberflächliche Kontrolle stürzt zusammen; kriegt aber noch die Kurve (der Text, bei Lothar eher ungewiss); das ist gut: “während die Innenfläche seiner Hand pochte, als umschließe sie den Gashebel – dabei lagen beide Hände ruhig in seinem Schoß.” (Ich finde mit solchen Sachen setzt er das um, was er sich, laut Portrait, vorgenommen hat, deswegen zitiere ich dauernd.)
So, jetzt bin ich gespannt, was die Juroren sagen;
Frau Keller: starker Text, besonders mag sie die beiden großen Themen, die miteinander verknüpft sind, den Umgang mit dem Tod und dass der ”Protagonist die Zügel in der Hand” behält (macht er das? Habe ich anders gelesen, also vielleicht oberflächlich); Och, Frau Fleischanderl, spannungsfrei? Sie mag die Sprache nicht; erweckt keine Gefühle bei ihr;
Frau Feßmann: Sehr guter Text, in jedem Detail (yep!), mag die Art des “Männerportraits”; aber der Tod habe die Rolle eines was? Neben-Außenminister? Vielleicht hätte ich lauter stellen sollen… Fängt er sich denn wirklich wieder? Das habe ich gar nicht so mitbekommen, kam mir mehr nach bleibendem Schaden und trotzdem weitermachen vor; Sulzer: Was den Text von den anderen unterscheidet ist, dass jemand wirkliche einen Beruf hat (hackt kurz noch mal auf Christiane von gestern rum), und dieser Beruf gestatte ihm die Unverbindlichkeit in der Welt zu haben, die er möchte; ja, das stimmt; die Sprache sei klar und präzise, nicht um Originalität bemüht, da hat er Recht, das fand ich auch schön; dass ich dem Herrn Sulzer noch mal zustimme! Und auch noch sein Kandidat!
Spinnen stellt jetzt die Frage nach literarischen Kriterien, die man hat, die nicht allgemein sein müssen (im Gegensatz zum Flugverkehr, meint er, Scherzkeks); Ob die Sprache ein notwendiger Teil der Geschichte geworden sei? Hier weiß er das hier leider noch nicht genau, sagt er; wie weit sich Sprache dazu erheben kann, genau identisch zu werden mit genau dieser einen Geschichte… ja, doch Herr Spinnen, das hatte ich auch ein bisschen so im Gefühl, aber nur ein bisschen; Herr Jandl würde jetzt doch ein bisschen dem Herrn Spinnen zustimmen; findet der Text erzählt genau diese Geschichte, aber nicht viel mehr; ich habe zum wiederholten Mal das Gefühl, dass die Juroren sich nicht wirklich zuhören… Ijoma: Sorgfältig, einfühlsam, würde sich aber noch mehr wünschen, etwas, das aus dem Erzählprogramm, herausbricht, notfalls verunglückt… ja, gut, sicher, das wäre Bonus, aber trotzdem, für mich ist das bisher der Favorit.
Sulzer misst spektakuläre Momente; was ich finde sind kleine echte Momente, in denen alles zusammenbrechen könnte, es aber nicht tut (als ihm das Flugzeug so bewußt wird etc.), also für mich zeichnete den Text eine gewisse Hineinversetzbarkeit aus (um ähnlich geschwurbelt zu sprechen); Frau Stadler schreitet schon wieder mutmaßend ein – kriegt die Extra-Gehalt, wenn sie auch in der Jury mitspielt? Spinnen möchte eine spezielle Distanziertheit, keine darüberliegende Distanziertheit vorfinden und Herr Mangold berichtet, dass er auch hier nicht alles ganz auflösen konnte;
So, das war er also, der zweite Tag.
Nun, ich bin einigermaßen versöhnt, weil doch noch ein Text dabei war, mit dem ich zufrieden war;
Petersen dann noch bei Eva Wannenmacher in der Diskussionsrunde, möchte sich nicht zu sehr durch die Urteile in “Schwingung versetzen” lassen beim weiter schreiben seines Romans; hm, den finde ich jetzt wesentlich sympathischer als vorhin beim lesen.
Wolfgang Hörner kritisiert die schlechte Vorbereitung der Jury, da muss ich ihm aber zustimmen; findet auch befremdlich, dass Clarissa dauernd mit ihrer Moderatorenrolle bricht, eben, eben, der redet mit Sinn, finde ich; erzählt jetzt über seinen neuen Verlag (Galiani?), hört sich auch schön an.
Also, morgen geht es weiter. Ich bin gespannt.
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Juni 27th, 2009 at 15:00
Nervt mich unwahrscheinlich, dass ich seinen Vortrag zum großen Teil verpasst hab’. Was ich gehört hab, hat mir allerdings wirklich gut gefallen.
Juni 27th, 2009 at 15:19
Na, aber Du kannst ja online alles nachschauen. ;) aber irgendwie scheint es, als stünde ich mit meinem positiven Schäfer-Eindruck recht alleine da, bin aber noch überzeugt – vor allem nach dem Rest, der noch kam.