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Bachmannpreis 2010 – Rückblick Tag 2

Juni 29th, 2010 by Spooked

Wieder Halbschlaf, als Thomas Ballhausen liest. Er liest etwa zwei Jahre länger als die anderen. Sein Vortrag ist schrecklich dramatisch und gleichzeitig monoton. Ähm, also künstliche Dramatik durch monotonen Vortrag?

Die Jury debattiert, ist es postapokalyptisch und gleichzeitig spätantik? Sulzer tippt eher auf die Gegenwart. Herr Jandl findet den Text nur geheimnisvoll, weil die Sprache völlig unklar sei, der ganze Aufwand an Bildern kreise nur um Leere.

Spinnen reißt noch einen Nagelprobe-Witz über die misslungene Sex-Szene. Ich fand den Text noch wesentlich schlimmer.

Ich hoffe noch ganz stark drauf, dass jetzt mit Schargnigg und Scholz was aufregenderes kommt.

Es liest Max Scharnigg, dessen Texte bei jetzt.de etc. mir mitunter etwas übel aufstoßen. Trotzdem, wer weiß…

Er liest immerhin nicht so depressiv. Leicht melancholisch, aber nicht so schlimm. Textinhalt erschließt sich mir nur langsam.

Online wird aus Mitteldeutschland die Aussprache moniert, das ist natürlich witzig von hier aus… ich beschwere mich ja auch nicht über Hessisch…

Ich fand den Text nicht schlecht, die Idee war schön, aber wirklich neugierig gemacht oder mitgerissen hat er mich leider auch nicht.

Frau Keller freut sich über Anderl und Paprika-Hendl, weiß aber nicht, warum das alles unter einer Kellertreppe stattfinden muss. Der Journalist plaudere während der ganzen Erzählung so munter wie ein Bergbächlein. Sehr schön! Außerdem sei olfaktorische Ernährung für einen Heiligen kein Problem… womöglich fungiert das Paprika-Hendl als mystisches Element.

Frau Feßmann berichtet, dass der Text durch mehrmalige Lektüre besser wird, hätte sie nicht gedacht.

Spinnen ist erstaunt, wie unterschiedlich der Text gelesen werden könne, für ihn sei es ein Text über große Verzweiflung. Der Ansatz sei spannend, aber es fehlt im die Souveränität. Sag ich ja.

Winkels findet, die richtigen Fährten wurden gelegt. Er erklärt uns jetzt den Text, bringt mir aber keinen Erkenntnisgewinn. Publikumsapplaus für Winkels, als er seinen Text gegen den Vorwurf verteidigt, er hätte zu viele offenen Enden.

Clarissa schreit von rechts. Ich finde es schön, dass die Juroren Clarissas Einwürfe größtenteils einfach ignorieren. Und jetzt wieder Realismus-Frage.

Es geht weiter mit Aleks Scholz. Er liest über Vorgarten-Rasen und Schweine? Das ist jetzt aber wirklich langsam. Sprache unaufregend, Vortrag wirkt gelangweilt und wie immer hart an der Grenze zu Depression. Schriftsteller beiderlei Geschlechts scheinen sich in einer großen permanenten Midlife Crisis zu befinden (und in diesem Fall ihr Heil bei Hunderennen zu suchen, wie das Portrait suggeriert).

Herr Sulzer nennt es einen stillen Text, der aus der Stille unheimlich viel Spannung erzeugen kann. Die Jury ist insgesamt sehr angetan, makelloser Text, etc.

Spinnen: Google Earth als Erzählposition in die Literatur einzuführen sei ganz toll. Aber es sei hier auch durch und durch herzlos, er weiß nicht, was er damit anfangen soll. Frag sich, wozu dient es. Danke, ich mich auch. Winkels gefällt grade das Sachliche und Fachliche.

Was den neugeschaffenen “GoogleEarth”-Erzähler angeht (für den Aleks Scholz auch gleich noch der Nobelpreis verliehen werden sollte), kann ich nur sagen, dass ich diese Abwandlung eines externen Erzählers so aufregend jetzt nicht fand. Außerdem ist die Erzählposition ja auch ohne ersichtliche Gründe nicht konsequent durchgehalten.

Mittagspause. Angela Leinen trug in der Pause beim Interview zu ihrem Buch “Wie man den Bachmannpreis gewinnt” mit Andreas Isenschmid angeblich ein Ernst A. Grandits T-Shirt. Schön. Will auch eins oder aber ihn als Moderator zurück. Lieber noch das. Oder beides.

Es geht weiter mit Judith Zanders Portrait. Mich beunruhigt die Musik, aber auch die Provinz und, dass sie in den Gedichten, die sie schreibt “freizügig wohnt”.

Auch der Vortrag ist vom ersten Wort an schwer erträglich. Ihr Umhangs-Oberteil ist das einer Professorin an einem englischen College, ihre Frisur ahmt ein überdimensioniertes Toupet nach. Aber das sind natürlich nur Äußerlichkeiten. Ich weiß, ich weiß, aber das zeichnet Klagenfurt ja aus.

Du-Erzähler. Ich wünschte, sie würde den Mund öffnen beim Lesen. Ich kann da leider nicht zuhören und verspüre große Abneigung, den Text in Textform nachzulesen. Tonlage schlimm, schlimm, schlimm, ich nehme alles zurück was ich zuvor über schlechte Leser gesagt habe. Wo ist Peter Licht?!

Die Du-Erzählform in der Vergangenheit ist nichts, was im Deutschen in irgendeinem Fall gut klingen könnte. Andererseits ist die zweite Person wohl die beste Erzählerperspektive für diese Art von Text. Aber dann vielleicht lieber im Präsens?

Ich fand die Stelle mit dem fremden Gewächs im Körper als Eindruck der Schwangerschaft gut. Das war’s aber auch eigentlich schon. Ich vermute, dass der Text als solcher durchaus eindrucksvoll ist, aber nicht mein Thema und der Vortrag trägt nicht bei.

Clarissa hat den Kopf auf beide Hände gestützt und zappelt mit den Füßen.

Winkels schämt sich für die Reich-Ranicki-Sätze, die er sagt (man dürfe die Apathie nicht langweilig darstellen). Sulzer und Feßmann meinen auch, der Text hätte unter dem Vortrag gelitten. Spinnen hätte mehr gebraucht. Frau Keller ist am Schlüpfer hängengeblieben. Ja, wer nicht.

Herr Jandl sieht Text irgendwie anders, es sei ein empathisches Du und die DDR sei, anders als Sulzer meinte, vermutlich nicht an Langeweile zu Grunde gegangen… (AUT vs. SUI 1:0)

Weiter und der letzte für heute: Josef Kleindienst.

Schon wieder ein Albert! Dieses Mal mit einem Wolfgang. Oh je, nicht mein Thema. Sprache seltsam. Das wirkt wie eine Vergewaltigungs-Phantasie aus dem Hobby-Schreiber-Forum. Und: Ist denn da niemand sonst in diesem Zug? DAS ist unrealistisch. Außerdem: Tragen die auch alle keine Unterwäsche? Dauernd kommen da Glieder direkt aus den Hosen.

Das Publikum klatscht zögerlich und wenig. Die Diskussion verpasse ich leider, weil ich in die Arbeit muss. Habe dann später noch reingeschaut und fand es etwas schade, wie wenig schlecht die Jury diesen Text fand.

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Posted in Kurzgeschichten, Literatur, Literaturcafé

3 Responses

  1. Hner

    Google-Earth-Erzähler? Das ist mal wirklich schlecht. Wer hat dir denn am besten gefallen?

  2. Hner

    Nachtrag. Gerade erst bewusst gelesen:
    “[...] und fand es etwas schade, wie wenig schlecht die Jury diesen Text fand.” Kudos!

  3. Spooked

    Hach ja, leider habe ich es immer noch nicht geschafft, den Rest online zu stellen, aber ich bemühe mich, das die nächsten Tage zu machen. Schwer zu sagen, wen ich am besten fand, aber ich denke, das kommt noch raus. ;-)

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