Bachmannpreis 2010 – Rückblick Tag 1
So, zum Live- oder Fast-Live-Bloggen hat es dieses Jahr nicht gereicht. Aber geschaut und gelesen habe ich schon. Jetzt also, kurz bevor der Spuk vorbei ist (morgen früh um 11 gibts die Preisverleihung), noch flugs ein kleiner Rückblick in Auszügen zu den diesjährigen Lesungen…
Tag 1
Die ersten Texte am Morgen hatten es grundsätzlich nicht leicht bei mir, das muss man schon sagen, weil ich mich da immer noch im Aufwachbereich befunden habe. Trotzdem glaube ich nicht, dass mir Sabrina Janesch in einem anderen Zustand besser zugesagt hätte. Ich fand den Text unaufregend und nicht interessant. Ernsthaft gestört hat mich hauptsächlich, dass sie übertrieben häufige “Großvater sagte”.
Hubert Winkels findet das Thema toll (und so selten vertreten, mir kam es aber ausgelutscht vor…). Und heikel. Was die “Mittel der Spannung” angeht, sieht er da Parallelen zu Stephanie Meyer. Lustig, ich dachte dass man solche Namen beim Betreten des Theaters abgeben muss. Der Rest der Diskussion war wenig aufregend, Herr Spinnen sieht ein Wesen mit zwei Mündern oder vielleicht einen Mund mit zwei Köpfen, Herrn Jandl fehlt das Gefälle (das wird im im Laufe des Bewerbs noch öfter abgehen…), auch Herr Sulzer fühlt sich “stilistisch nicht aufgerüttelt”.
Clarissa Stadler hat sich erfreulich rausgehalten, moderiert jetzt die Diskussion ab und wirkt wie immer völlig unvorbereitet und etwas verwirrt, warum sie da ist. Und der nächste.
Das ist Volker H. Altwasser. Er stockt beim Lesen, die Vortragsweise zieht auch eher runter. Dann Hochsee-Fachjargon, ein Vortrag über den Krötenfisch mit Beerdigungsstimme. Für mich war das Thema langweilig, die Sprache langweilig, der Vortrag langweilig, tut mir leid, aber nichts für mich dabei. (Vielleicht bin ich aber auch einfach abgeneigt wegen meiner Hemingway-Phobie.)
Als er endet schwanke ich zwischen Erleichterung, dass zwei so wenig ansprechende Texte bereits jetzt gelesen wurden und damit erledigt sind – und der Befürchtung, dass vielleicht noch mehr davon kommt.
Frau Fleischanderl meint, der Text erhebe einen Anspruch, den er aber nicht einzulösen vermag. Ja, das hatte ich auch so empfunden. Paul Jandl findet die ewigen Schicksalsfragen des Mannes “Ehefrau oder Hohe See?” Die Jury fragt sich einige Dinge, wie ob die deutsche Literatur je die See besessen hat, was mit der ominös wertvollen Haut eines Fisches, der im Text auftaucht eigentlich noch weiter passiert und was der Fisch und die Haut für den Text bedeuten und so fort.
Frau Keller entdeckt Sprachnot in den vielen Ausrufezeichen und würde unbedingt die Frauengeschichte rausstreichen. Das Bedürfnis hatte ich auch. Aber nicht nur. Den größten Anklang fand die minutiöse Beschreibung der Häutung des Hauptdarstellers: der Kurznasenseefledermaus (ein Fisch, trotz des Namens). Ich empfand das als kunstlose Tätigkeitsbeschreibung, Fisch hin oder her.
Und Ende, Clarissa ruft das nächste Portrait auf. Das Publikum muss sie wieder mit dem Beifall für den Autor (und die Jury?) unterbrechen. Koordinierte Moderation sieht anders aus.
Es liest nun Christopher Kloeble, dessen Videoportrait besonders nicht mein Fall ist. Auch der Text nicht, der dreht sich um einen geistig zurückgebliebenen Vater. Albert heißt der Sohn, Fred heißt der Vater. Albert geht ja noch, aber Fred ist beim ersten Mal schon seltsam, beim 3. Mal nervt’s schon gewaltig. Und der Text ist sehr namenslastig. Albert, Fred, Albert, Fred, Fred, Fred, Albert… uiuiui…
Auch ansonsten klingt er für mich eher unbeholfen und nach einem emotionslosen, erzwungenen Schulaufsatz. Zur anschließenden Diskussion nimmt der Autor in der Runde der Jury Platz. Als letzter, glaube ich, die Folgenden machen das nicht mehr und irgendwann verschwindet der Stuhl für die Autoren auch kommentarlos aus der Runde.
Winkels wußte zuerst nicht, ob der Text ein Idyll oder eine Satire wird, entdeckte dann aber die Katastrophe: der Text sei völlig abgestürzt. Für Jandl entzieht sich der Text der Kritik durch seine Putzigkeit (auch eine Option…). Sulzer war fasziniert von der Umkehrung der normalen Verhältnissse, das war ja easy. Und Frau Fleischanderl rechnet den Text dem komischen Genre zu, weil er eine verkehrte Welt beschreibt, auf der Ebene würde der Text gut funktionieren. Frau Fleischanderls Humor wird sich mir auch im Laufe der weiteren Tage nicht wirklich entschlüsseln. Clarissa beendet die Diskussion.
Der Publikumsapplaus ist dieses Mal weniger unkoordiniert. Clarissa wirkt unzufrieden, dass sie hier rumsitzen muss und Kameras dabei sind.
Nach der ersten Mittagspause, die – wenig überraschend – mit Ilja Trojanow gefüllt war, weswegen ich mir ihn Ruhe Frühstück machen konnte, geht es weiter.
Es liest Daniel Mezger. Es ist natürlkich sehr angenehm, einen routinierten Vorleser zu haben, nur gleitet der Vortrag hin und wieder zu stark ins Schauspielereische. Trotzdem, ich wünschte, da würde mal endlich einer lesen, wie Leute reden. Also, wenn in den Texten Menschen sind, die grade beim Leben sind, warum darf man sie dann nicht auch mal ansatzweise so lesen? Dieser Text bleibt mir erst unklar. Wer ist ich und wer ist du? Du-Texte sind ja nicht so meins. Schade, bisher hat keiner der Texte irgendeine Daseins-Begründung für mich. Elegien, sinnlose, aber alte Fragen, etc. nix Neues nicht. Auch in der Form wirklich nicht. Macht doch mal was! Deswegen schreibe ich ja keine Bücher, weil ich nichts zu sagen habe. Von allen Texten, die ich heute gehört habe, habe ich den gleichen Eindruck und verstehe deswegen nicht ganz, warum sie eingeladen wurden.
Auch Frau Feßmann findet die Ansprache an das permanente Du in der Form völlig missglückt. Für Frau Fleischanderl ist der Text harmlos und banal, er habe keinen harten Kern, dafür arbeite er aber mit Tricks. Später sagt sie, es käme kein neues Bild dazu durch den Text und spricht damit an, was ich auch von Literatur erwarte. Herr Winkels fragt: Wen spricht er denn an? Die Kranke kann es nicht sein. Philosophiert über ein ideales Du… welchen Text hat er denn gelesen? Für mich war das ein Selbstgespräch, natürlich liefert er da die performative Seite gleich mit. Spinnen berichtet aus eigenener Erfahrung über Trennung als psychische Falle. Eine entsetzlich grauenhafte Angelegenheit. Er ruft das Publikum auf, niemandem mit dem Selbstmord zu drohen.
Jandl will wieder keinen Realismus. Winkler widerspricht vorbei. Feßmann sagt auch was dazu, die Jury diskutiert fast schon wieder! Clarissa versucht Trivia zu Jacques Brel zu liefern. Frau Keller sieht eine Rahmenerzählung mt Binnenmonolog, die gegenseitige Demenz einer Ehe (Demenz scheint das Wort der Saison zu sein).
Frau Feßmann kommt nicht darüber hinweg, dass einer, der sich trennen will womöglich Angst hat, davor verlassen zu werden. Ich kann diese ganze Widersprüchlichkeitsdebatte nicht nachvollziehen. Ich dachte eben, das schön Widersprüchliche am Menschen ist, dass er zwei sich ausschließende Dinge gleichzeitig haben will. Wieso geht das dann nicht in der Literatur? Nun.
Es kommt Dorothee Elmiger, die letzte Leserin für heute. Sie beginnt, etwas nervös, einen Auszug aus einem längeren Text zu lesen. Es geht los mit Büchern (da steh’ ich ja schon drauf). Ihr Vortrag klingt leider auch schon wieder so hoffnungslos traurig, trotzdem mag ich irgendwie, wie sie liest. Schweizerin halt. Ich verpasse leider ein paar Minuten. Ich weiß nicht, irgendwie mag ich den Text, irgendwie aber auch nicht. Habe jedenfalls noch keine Ahnung, worum es geht, und ich hoffe, die Jury erleuchtet mich da ein wenig.
Frau Feßmann: Originelle, klevergemachte Prosa, die sich ein Spielfeld schaffe. Nach der Apokalypse, erzählen sich zwei Schwestern ihre Phantasien, die alle auf den wenigen verbliebenen Büchern beruhen. Und das in einem Polizistentocherprosa. Winkels stimmt Feßmann zu, findet auch inhaltliche Determination gut. Und erklärt mir nun wirklich die Teile, die ich nicht verstanden habe. Die Bibliothek wird am Anfang gelistet und alles, was kommt, baut auf dieser Biblkiographie auf. Jetzt finde ich den Text ganz toll!
Frau Fleischanderl gefällt es, das hatte ich gedacht, sie findet den Text zeitlich passend. Herr Sulzer ist auch froh, dass er jetzt den Text erklärt bekommen hat, er konnte vorher nichts damit anfangen. Für Jandl hat der Text Tiefen und Tücken. Der Text gehe ins 18./19.Jh zurück, er erklärt uns mehr zum Buenaventura-Fluß.
Ich bin angetan und finde den Text wesentlich literarischer als alles vorhergehende, irgendwie beruhigt es mich, dass dieser Text womöglich sogar einer literaturwissenschaftlichen Analyse standhalten könnte. Ich finde es legitim, dass ein Text einen Kontext braucht, Schriftsteller schreiben ja auch im Kontext. Vielleicht ist einem das stärker bewusst, wenn man sich vornehmlich mit russischer Literatur befasst, aber jeder Schriftsteller schreibt in einer Tradition. Wenn man deswegen mehr Hintergrundwissen benötigt um einen solchen Text zu entschlüsseln, finde ich das nicht verwerflich, sondern spannend.
Posted in Kurzgeschichten, Literatur, Literaturcafé



Juni 27th, 2010 at 01:49
Mal abgesehen davon, dass ich es liebe, deine Beiträge zu lesen und dabei regelmäßig Gefahr laufe, beim Lachen das Atmen zu vergessen, ist es irgendwie ein kleines bisschen gruslig, einen neuen Text auf unserer Seite zu finden. Hat was von Dawn of the Dead! Aber wenn ich ehrlich bin, fühlt sich das richtig geil an! DANKE!