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Bachmannpreis 2011 – Tag 2.1

Juli 9th, 2011 by Spooked

Guten Morgen.
Es liest Linus Reichlin, und zwar die ersten drei Kapitel eines Romans. Ein Teaser also.
Es geht los mit einem verirrten Mörder, der versucht, Zitate zu rekonstruieren. Weiter mit Bomben, Krieg, Innenansicht von Soldat im Schockzustand? Es plätschert so dahin, ich bin noch nicht ganz wach, ist aber nicht schlecht zum Aufwachen, Schweizer Vorleser sind ja immer recht angenehm im Ohr…
Es passieren und passierten einige Dinge, ich bin nicht auf allen Ebene auf dem Laufenden, das mag aber sehr am Thema liegen, mit Krieg kann ich ja nicht so.
Ausnahmsweise spricht Winkels zuerst. Er findet das Thema mutig, wegen Krieg und Aktualität, hat aber ein Problem mit dem imaginierten Stoffreichtum, lobt aber die gute Sprache. Aber er fühlt sich an einen “innerpsychischen Fernsehfilm” erinnert, in dem das Setting immer als solches erkennbar sei. Jetzt auch noch “was von einer griechischen Tragödie”.
Grrrr. Was glaubt denn Clarissa, dass Winkels da schon an einem Punkt war, an dem er sich hätte bremsen lassen? Nein. Vor allem könnte sie ja auch, egal was sie macht, es weniger unfreundlich und widerwillig tun…
So, jetzt Sulzer. “Wir haben das Feld der Familie verlassen.” Ach. Das sollten wirklich alle mitgekriegt haben. Auch Jandl möchte sich anschauen, mit welchen literarischen Mitteln da gearbeitet wird. Der Begriff Kolportage fällt mehr als einmal, ich finde das jetzt zu viel.
Frau Feßmann wusste schon, dass Winkels auf den Satz mit dem Stoff in Afghanistan reagieren wird. Sie findet den Text aber offensichtlich gut, es sei spannend und auch das Thema, das eines neuen Krieges, sei gut gewählt. Die Sandale sei das Symbol für das Alltägliche, das auch neben dem Schrecklichen existiere (bin ich die einzige, die an “Life of Brian” denkt?). Sicher ist sie das, aber wie können denn andere Juroren das nicht mitgekriegt haben? Ich bin jedes Jahr wieder an einigen Punkten erstaunt, mit welchem (oder ohne welches) Handwerkszeug die Juroren an die Texte gehen. (Wahrscheinlich mag ich Frau Keller deswegen so gerne, die macht das wenigstens ordentlich und mit Konzept.)
Clarissa stört den Gesprächsfluss. Kurz weiß niemand, wer jetzt dran ist oder sein sollte. Strigl erbarmt sich, die sieht aber sehr müde aus heute. Auf der Suche nach dem Neuen im Text, im Vergleich mit Hemingway findet sie zwar Unterschiede, aber keine Weiterentwicklung sondern einen Text ohne Risiko. Und dabei hätte Hemingway so dringend eine Weiterentwicklung nötig!
Für Frau Keller ist das so ein toughes Thema, dass sie gar nicht aufhören kann, “tough” zu sagen. Der Akzent sei aber in Wirklichkeit die Möglichkeit der Rekonstruktion einer Schuld. Der Zweite im Männerduo, Khalili, dünke sie eigentlich interessanter. Sie ist sich auch nicht sicher, ob man in solchen Extremsituationen an lateinische Deklinationen denkt. Frau Feßmann schon. Gerade dann.
Spinnen wirft sich dazwischen. Er erzählt einen Schwank aus seinem Soldatenleben. Findet den Erzähler/Autor souverän. Frau Feßmann verteidigt den Text wegen der Distanz die im Text möglich sei und möchte nicht, dass Spinnen ihm Souveränität vorwirft.
Jandl findet den Blick sehr eng. Jetzt wird tatsächlich fast gestritten. Feßmann verteidigt standhaft den Seelenkonflikt im Text, den eine Reportage nicht darstellen könne. Sie gibt einfach nicht nach. Da erklärt ihr Spinnen, dass sie den “neuen Krieg” nicht verstanden hat.

Die Nächste ist Maja Haderlap. Videoportrait mit Wald.
Anfangs war ich noch bei ihr im Text. Wald, Radioreportage, Holzfäller, mit dem Vater in die Arbeit fahren…
Inzwischen aber zu viel Kriegsnacherzählung durch dritte Figuren. Und wieder so ein undurchsichtiger Krieg.  Irgendwie ist mir das auch insgesamt schon wieder zu viel indirekte Rede.
Keller: Ein unerhört langsamer Rhythmus. Sie hat sich auch immer wieder gefragt, wie alt dieses Mädchen ist. Wäldchen-Wald-Metapher am Anfang steht in Bezug auf Kärnten, aber auch scheinbar auf den Text, wenn ich sie richtig verstanden habe. Das wäre natürlich schon mal eine ganz neue Ebene.
Sulzer lobt einen beinahe makellosen Text. Nostalgisch. Er hat nicht wirklich was zu sagen, möchte aber noch seinen Lieblingssatz vorlesen, raschelt mit den Blättern, findet ihn nicht, behilft sich mit “Dachau, Dachau”.
Jandl liefert historischen Hintergrund, diese seien eine Eben, dann die des heranwachsenden Mädchens und dann die aktuelle Ebene des Erzählens, hm… er sieht auch: feine sprachliche Nuancen und ganz präzise sprachliche Bilder.
Frau Feßmann hat Respekt vor Ruhe, Unaufgeregtheit und Thema des Textes. Würde ihn aber doch wesentlich tiefer ansetzen, wegen der kindlichen Ich-Erzählerin. Angemessene Zweifel, meint sie, denn so müsste sie “Der klingende Name Dachau” sagen, das sei problematisch (ausgerechnet das war doch Sulzers Lieblingssatz!).
Clarissa bitcht weiter wegen der Zeit…. Juroren und Moderatorin scheinen eine unglückliche Schicksalsgemeinschaft zu sein. Man kann nur hoffen, dass sich die Situation nicht weiter zuspitzt und sich zu einem literaturwürdigen Thema entwickelt.
Daniela Strigl verteidigt den Dachau-Satz. Der Wald eröffne einen Geschichtsraum, zeichne die Menschen, und habe am Ende das letzte Wort, er überwuchere alles, die Menschen und die Geschichte. Sie spricht sehr erregt über einen Vater, an dem man sich nicht “anhalten” könne.
Hubert Winkels sieht sich selbst im Mittelfeld, hat nur penible Einwände, sagt er selbst. Lektor-Kritik: Das Ende des Textes passt nun wirklich nicht für ihn. Aber das sei ein Leichtes für einen Lektor, das zu ändern.
Auch Spinnen geht auf den letzten Satz ein. Der sei ungeheuer schwer, wie eine andere Materie, ein Bleikern unter dem Text, habe ihn schwer irritiert. Es stimmt, was er sagt, aber beim Vortrag vorhin hatte ich den Eindruck gar nicht.
Insgesamt stört mich jetzt, dass fast nur über den Inhalt und kaum über die Sprache geredet wurde, denn die fand ich jetzt nicht so überzeugend. Mag aber auch mit dem Vortrag zusammenhängen.

Weiter mit Julya Rabinowich, auch sie liest einen Teil eines Romans.
Mit Leo im Bett und wilde Hunde am Strand. Außerdem ist es heiß. Gut. Dann liegt die Ich-Erzählerin plötzlich an die feuchte Erde gepresst…
Es war dann doch etwas verwirrend. Tja, Romananfang, ich hätte lieber etwas Abgeschlossenes von ihr gehört, noch lieber gelesen, der Vortrag war eher nicht zuträglich. Ich glaube, ich werde den Text aber noch mal lesen, irgendwas war da.

Winkels erklärt, dass wir da eine Frau in verschiedenen mythischen Verkleidungen vorgeführt bekommen, aber der Text würde nicht funktionieren.
Sulzer dagegen hat eine Erbschleicherin gesehen, die an das Geld des Mannes ran will. Spannend sei an diesem schwierigen Text das Konterkarieren von Alltäglichem mit Mythologischem.
Jetzt schließt Frau Feßmann uns den Text endgültig auf: Eine osteuropäische Frau arbeitet bei einem kranken Mann. Aber Hallo, Frau Keller versteht das nicht, wo stehen würde, dass die Frau arbeitet, will sie wissen. Die zwei sind sich nicht ganz grün…
Frau Feßmann weiter: ihr gefallen die starken körperlichen Bilder für weiblichen Ekel gegenüber einem Männerkörper, der Ekel liegt darin, dass sie diesen kranken Mann betreuen muss. Mit den starken Ekel-Bildern hat sie recht. Das habe ich sogar im Vortrag gehört, wusste es aber nicht zu benennen.
Frau Strigl findet den Text auch nicht schwierig zu verstehen, die mythischen Deutungen seien legitim und interessant, ihr scheint klar, dass Liebes- und Arbeitsverhältnis nicht zu trennen sind. Alles an der Geschichte sei merkwürdig, die Frau würde eine geballte Aggressivität ausstrahlen. Die Aggressivität sei mit einem absoluten Mangel an Wehleidigkeit gepaart. Stimmt! Deswegen fand ich den Text wohl gut verträglich. Die Sehnsucht der Frau, wieder rein und unbefleckt zu sein, in die Erde einzugehen, das sei die Utopie. Jetzt weiß ich wenigstens, warum sie den Text eingeladen hat, und ich bin neugieriger geworden.
Jetzt kommt aber Jandl, für den das ein wahrlich einfacher Text ist: Jeder könne sich aus der Vielzahl der Motive eines aussuchen. In seiner persönlichen “verschwurbelten Lesart” sei es der Versuch, sich in eine Genealogie einzuschleichen.
Spinnen setzt sich dem “Verdacht aus, österreichische Autoren als Vergleich heranzuziehen” und erklärt uns einen Schnitzler-Roman. Daraus schließt er, dass die Story toll sei, auch wenn schon mal bei Schnitzler etwas ähnliches vorgekommen sei. Aber er findet keine Muse, sich auf den Plot einzulassen, wegen eines großen Aufwandes, den Überbau klar zu machen. Er habe nur das Gefühl, die Autorin hätte wohl ihren Text zu gerne, wie ein Kind, das sie mit zu viel ausstattet, bevor es zur Musikschule geschickt wird. Ein Instrument hätte gereicht. Die Autorin lächelt nicht verständnislos.
Feßmann wiederholt unnachgiebig, dass dies ein Ekel-Text sei, der überhaupt nichts mit Schnitzler zu tun habe. Strigl widerspricht und gratuliert Spinnen zur Schnitzler-Spur.
Irgendwann schreitet Clarissa ein und übergibt in die Pause.

 

Und ich jetzt auch mal Pause, Schlaf-Pause, der Rest wird nachgereicht.

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Posted in Kurzgeschichten, Literatur, Literaturcafé

2 Responses

  1. Hner

    Da sind preisverdächtige Passagen in deinem Beitrag:

    “Dachau, Dachau”! :)

    Sehr cool!

  2. DasGen

    Hach ja, wie schön! Auch wenn ich vermutlich keine 5 Minuten dem Original zukucken könnte, ist deine Version des Bachmannpreises höchst wunderbar! Da könnte ich doch wirklich jeden Tag eine Dosis davon vertragen! Vielen Dank, vorfreudigst auf weiteres DasGen

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