Bachmannpreis 2011 – Tag 3.3
Oh schön, Frau Strigl in der Pause. Literaturkritik dürfe nicht zu harmlos sein, weil dann großartige Texte auf demselben Niveau abgehandelt würden, wie die mittelmäßigen.
Ich habe das Gefühl, dass die Pausengespräche dieses Jahr nicht so nervig sind wie sonst.
Michel Božiković hat ein Videoportrait mit Kroatien mitgebracht…macht ja nur neidisch. Ansonsten viel Gerede mit ins Sprechen eingesogenen Auflachern, das weckt natürlich keine Sympathien bei mir. Es wäre wirklich oft besser, die Autoren würden diese Videos einfach ablehnen.
Also noch ein Keller-Text, das macht keine großen Hoffnungen nach dem Text von grade und diesem Video…
Ein man-Erzähler, … er liest schnell, verliest sich hin und wieder, was mich nicht stört, besser als diese Theatralik, trinkt viel. Leider kann ich nicht folgen, mir fehlt irgendein Anhalts-Punkt im Text, bin nicht dabei. Insel, Mond, Pischtole, Wespe, Krieg…
Winkels fängt mit Positivem an, Erzählsituation und -weise ergeben einen gewissen Drive. Eine spannende Männer-Unterhaltungsstory ist das. Ah, er sieht es auch so, ich bin also nicht allein.
Sulzer diagnostiziert ein ganzes Symphonie-Orchester an Überinstrumentierung, das verdient ein “lol” von mir. Er fragt sich, ob es die Imagination eines Jungen (ex-jugoslavischer Herkunft) sein könnte, der über eine Autobahn rast. Interessant!
Strigl hält das auch für einen ausgesprochen kühnen Ansatz, sie würde das eher in Kroatien verorten, es habe aber auch Anklänge an eine südamerikanische Kriegsgeschichte, es finde eine Überblendung statt. Es ist schon interessant, dass die Juroren so oft, viel öfter als nicht, habe ich den Eindruck, Film-Vokabular verwenden. Strigl glaubt weiter, der Autor möchte durch die Geschichte auch mal ein “verfluchter Kerl” sein. Die Sprache (die einer deutschen Synchronisation eines amerikanischen Kriegsfilms, sagt sie) mache ihre Bemühungen, sich dem Text “freundschaftlich zu nähern” zunichte. Mhm.
Sulzer sagt, die Sprache ist die des Jungen im Text, nicht die des Autors. Winkels reitet auf der “Tarantino-Funktion” herum: Das Sichtbarmachen woher die Sprache kommt, dies werde aber nicht erreicht.
Jandl ist genervt: Man kenne dieses Volk (er meint jene Menschen, welche die Reifen ihres Autos laut quietschen lassen) und wenn das Intelligenz-Niveau der Figur auch dieses sei, dann mache ihm das den Text nicht sympathischer.
So, jetzt Keller mit Erklärung: Die Sprache mit all ihren Versatzstücken sei die der Figur, die keine Figur sei. Das “man” sei eine Maske, hinter der vermutlich nur ein großes Chaos sei. Hemingway sei wieder am nächsten. Ja dann. Feßman erläutert, was sie gelesen hat: es sei kein Deserteur, das stehe ganz klar im Text. Ihr ist das Ganze unverständlich, diese seltsame Motivation der Figur, er meldet sich freiwillig in den Krieg und will sich dann umbringen… Sie kennt auch die Sprache, nämlich aus den Jugendbüchern der 50er Jahre.
Keller kehrt zur Figur zurück. Sie spricht von einer Bewusstseinsexplosion, da würde alles aufgewirbelt, alle Facetten des Charakters. Feßmann liest Zitate dagegen, Keller zeiht sie Behauptungen. Die beiden zanken noch ein bisschen weiter, Keller grummelt Unverständliches.
Sulzer fühlt sich berufen, zu schlichten und spricht über die Wespen-Stelle, die er scheinbar nicht schlecht fand.
Spinnen hat die Befürchtung, dass das der falsche Ausschnitt aus einer größeren Konstruktion sei. Er sieht einen jungen Mann, der zwischen alle Fronten geraten ist. Er ist unzufrieden und wirkt auch unzufrieden darüber, dass er unzufrieden sein muss.
Keller kommt wieder auf die Extremsituation, die man nicht vom Krieg lösen kann. Feßmann sieht immer noch nicht, dass der wirklich im Krieg wäre, sie möchte den “Helden” auch nicht auf eine “Maske” reduziert wissen. Sulzer springt Feßmann zur Seite, Jandl ist bei Spinnen, der, zu Recht natürlich, meint, man könne nichts analysieren, was nicht vorliegt. Es wird richtig diskutiert, allerdings ohne Ergebnis, jeder beharrt auf seiner Position. Ich kann mich an frühere Diskussionen erinnern, bei denen tatsächlich Juroren-Meinungen geändert oder beeinflusst wurden… muss vermutlich aber ein besserer Text sein, der sowas auslösen kann.
Wie gesagt mag ich Keller, wegen ihrem ordentlichen Handwerk. Aber mit ihren Schlussfolgerungen (oder der Auswahl ihrer Texte) stimme ich selten überein…
Letztes Videoportrait von Thomas Klupp. Streichelzoo, der Off-Text klingt satirisch, möchte es wahrscheinlich aber nicht sein, oder doch, es ist manchmal so schwer zu sagen… Es geht um gutartige Tiere… fränggischer Zungenschlach.
Ich höre. Frau Professorin Faulstich?! Internetpornographie und Akademisches Institut. Mich irritiert das Kind im Publikum, der Text ist nicht unbedingt inexplizit. Ich bin sehr dankbar für den fränkischen Akzent, jeder andere würde den Text unerträglich machen beim Vorlesen.
Okay, Kontrast zwischen spießig-existentiellem Bedürfnis nach einer Festanstellung und dem Überkonsum von Internetpornos. Netter Ansatz.
Der Text ist lustig, ich lache, aber ob er deswegen literarisch wertvoll ist… zu flapsig, schätze ich. Aber ein schöner Abschluss, was zum Aufwachen zum Bachmann-Ende. Ah! Jetzt eine Colin Firth Erwähnung und Pride & Prejudice Namedropping. Auch nett.
Die Jury waltet ein letztes Mal. Frau Feßmann sieht es als problematisch an, dass der Text immer größere Reize braucht, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Außerdem missbilligt sie irgendwie, dass es wohl Rollenprosa sei und vermutlich kritisch gemeint.
Frau Keller beschreibt den Text als das Journal eines Mannes der sich darüber Rechenschaft gibt, wie er zur Lesbe wird. Sie sieht einen Bruch in der Personenkonstruktion. Ich kann nicht nachvollziehen, wann welcher Juror findet, dass Personen widersprüchlich gezeichnet sind. Jandl verkündet, dass der Text schnell langweilig wird und schaut stolz in die Runde, dass er das gesagt hat.
Frau Strigl fand den Text interessant, weiß aber nicht, wie das als Roman weitergehen soll. Das Spannende ergibt sich daraus, dass das Verbotene zum Arbeitsumfeld wird, außerdem gefällt ihr der irrwitzige Konkurrenzkampf zwischen Frauen und Männern, der Text habe Beichtcharakter und alles in allem sei es eine großartige Idee. Ihr einziger Einwand bezieht sich auf die Figur. Die Erzählerfigur zeichne sich als jemand der willentlich angepasst ist, an seine Situation oder das System. Überdurchschnittlich sei er nicht, ein durchschnittlicher Held würde schnell langweilig werden und ein Schelm sei er auch nicht wirklich, sie zuckt die Schultern.
Yeah, Spinnen erwähnt Karl Kraus, das war aber jetzt in letzter Minute! Es sei ja traurig für die Satire, sagt er zu Strigl, die große Ähnlichkeiten mit dem echten akademischen Betrieb gesehen hat, wenn sie so nah an der Realität ist. Er erklärt jetzt wieder viel, was es hätte geben können in dem Text oder mit dem Text. Der Abgrund der Materie rutsche völlig in diese Figur, die er als traditionell satirisch sieht.
Sulzer sagt jetzt, was ihn gestört hat, Dinge, die durch ein Lektorat aufgehoben werden müssten. Bringt aber nur schale Einwände vor für mich. Sonst fand er ihn “sehr komisch, aber nur begrenzt komisch” (das sollte das Lektorat rausstreichen). Winkels klingt, als würde er gegen den Text reden, dabei hat er ihn doch eingeladen… aber scheinbar verstehe ich einfach nicht, was er sagen will.
Es werden wieder die gleichen Argumente wiederholt.
Kurz bevor der Spuk vorbei ist freut sich Daniela Strigl noch, dass einige gelungen Satiren unter den diesjährigen Texten waren, sogar aus Deutschland, dafür erhält sie zweimal Applaus.
Und dann ist es auch schon gleich vorbei.
Nicht vergessen: Abstimmen, wer den Publikumspreis erhalten soll! Nur noch bis 20 Uhr!
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